erweiterte, aktualisierte fassung, frankfurt a.m. oktober 2007

protokolle des kritischen kurses  [Teil 3 von 3]
»Die Gesellschaft des Spektakels« von Guy Debord

{→ zum Buch von 1967 in der vom Autor gebilligten Übersetzung aus dem französischen von Jean-Jacques Raspaud. Edition Nautilus. Hamburg, 1978.→ // → zur Übersicht: Situationistische Revolutionstheorie →}

 

zu kapitel 1  DIE VOLLENDETE TRENNUNG

{Zu den Thesen: präambel / 1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 / 7-9 / 10-14 / 15-17 / 18 / 19-20 / 21 / 22 / 23 / 24 / 25 / 26/ 27 / 28 / 29 / 30 / 31 / 32 / 33 / 34 }

zu these 25:

La séparation est l’alpha et l’oméga du spectacle. L’institutionnalisation de la division sociale du travail, la formation des classes avait construit une première contemplation sacrée, l’ordre mythique don’t tout pouvoir s’enveloppe dès l’origine. Le sacré a justifié l’ordonnance cosmique et ontologique qui correspondait aux intérêts des maîtres, il a expliqué et embelli ce que la société ne pouvait pas faire. Tout pouvoir séparé a donc été spectaculaire, mais l’adhésion detous à une telle image immobile ne signifiait que la reconnaissance commune d’un prolongement imaginaire pour la pauvreté de l’activité sociale réelle, encore largement ressentie comm une condition unitaire. Le spectacle moderne exprime au contraire ce que la société peut faire, mais dans cette expression le permis s’oppose absolument aus possible. Le spectacle est la conservation de l’inconscience dans le changement pratique des conditions d’existence. Il est son propre produit, et c’est lui-même qui a posé ses règles: c’est un pseudo-sacré. Il montre ce qu’il est: la puissance séparée se développant en elle-même, dans la croissance de la productivité au moyen du raffinement incessant de la division de travail en parcellarisation des gestes, alors dominés par le mouvement indépendant des machines; et travaillant pour un marché toujours plus étendu. Toute communauté et tout sens critique se sont dissous au long de ce movement, dans lequel les forces qui ont pu grandir en se séparant ne se sont pas encore retrouvées.

[stichworte des diskussionsprotokolls 2004:]

[anmerkungen im kurs 2007:]

Wenn die Trennung das Alpha und Omega des Spektakels ist, ist sie Voraussetzung und Resultat (doppelt freie Lohnarbeit als historische Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise und Resultat ihres Wirkens) zugleich.

Das Heilige entsprach in vorkapitalistischen Gesellschaften den Interessen der Herrschenden und rechtfertigte die kosmologische und ontologische Anordnung. Jede getrennte Macht hatte spektakulären Charakter (geht es hier um Vorformen des Spektakels?). Aber die Zustimmung aller zu einem feststehenden Bild zeigte auf die gemeinsame Anerkennung einer eingebildeten Verlängerung für die Armut der wirklichen gesellschaftlichen Tätigkeit (Feuerbach sinngemäß: Alles was Gott ist, sind die Menschen nicht... Umso ärmer das Leben, umso reicher, voller, konkreter ist Gott...«), die noch als einheitliche Bedingungen empfunden wurden (meint was?).

Im Gegenteil dazu, drückt das moderne Spektakel das aus, was die Gesellschaft tun kann, aber in dieser Äußerung (Form?) stellt sich das Erlaubte absolut dem Möglichen entgegen. Es ist also durch die Form weniger erlaubt (Fessel der Produktivkräfte...), als möglich wäre.

Das Spektakel ist die Erhaltung der Bewußtlosigkeit in der praktischen Veränderung der Existenzbedingungen (sein Gegenspieler wäre dann die »Klasse des Bewusstseins«). Das Spektakel ist sein eigenes Produkt (? = Resultat und Voraussetzung zugleich?). Es ist ein Pseudo-Heiliges im Gegensatz zum Heiligen in vorkapitalistischen Gesellschaften. Warum ist es ein Pseudo-Heiliges? Versuch einer Antwort: Weil das Spektakel nicht etwas Phantastisches zeigt, sondern das, was es ist (Vgl. MEW 23, S. 87).

Zur »Parzellierung der Gesten«, die von der unabhängigen Bewegung der Maschinen beherrscht sind: Die Arbeitsteilung erhält auf der Entwicklungsstufe der »reellen Subsumtion« des Arbeitsprozesses unter das Kapital eine eigenständige technische Existenz. Sie wird durch das Maschinensystem objektiv vorgegeben (Vgl. MEW 23, S. 510). Durch die Anwendung der Wissenschaften auf den Arbeitsprozess (Teil der »reellen Subsumtion«) werden die Bewegungen der Maschinen in ihre gemeinsamen großen Formen - unabhängig von den sie Anwendenden - zerlegt. Ich verstehe diese Stelle so, dass die Trennungen und Verselbständigungen des Zusammengehörigen bis in die Psyche reichen und immer neue Formen annehmen. Die Grundlage der Trennung bleibt die Klassentrennung: »Das ganze System der kapitalistischen Produktion beruht darauf, daß der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware verkauft.«(MEW 23, S. 454)

Jedes Gemeinwesen und jeder kritische Sinn haben sich während dieser ganzen Bewegung aufgelöst.

Das Kapital als zersetzende, alles gleichmachende Bewegung (Vgl. u.a. »Manifest«, sowie die Stellen in den Geld-Kapiteln im »Kapital« und den »Grundrissen«).

Die Kräfte, die in dieser Bewegung wegen ihrer Trennung wachsen konnten, haben sich darin noch nicht wiedergefunden.

Die Trennung ermöglicht also erst die Schaffung der materiellen Grundlagen einer höheren Gesellschaftsform (Vgl. MEW 42, S. 93). Daher auch der von Marx in den »Grundrissen« gewürdigte »great civilizing influence of capital«. Marx unterscheidet in den »Grundrissen« drei Stufen gesellschaftlicher Entwicklung: 1. Gesellschaften, die auf persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen beruhen. 2. Gesellschaften, die auf persönliche Unabhängigkeit bei sachlicher Abhängigkeit gegründet sind. 3 Freie Individualität, die auf universeller Entwicklung der Individuen und Unterordnung ihrer gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Produktivität als ihres gesellschaftlichen Vermögens basiert (Vgl. MEW 42, S. 91). Wenn die Produktionsverhältnisse zu Fesseln der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte werden und als solche »gefühlt« werden, wird ihre Form auf die Tagesordnung gesetzt. In der Kapitalform konnten die Produktivkräfte wachsen. Wegen der Kapitalform (und den entsprechenden Trennungen) konnten sie sich aber nicht wiederfinden. Das theoretische Verständnis der Trennungen hat die praktische Aufhebung zur notwendigen Konsequenz.

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zu these 26:

Avec la séparation généralisée du travailleur et de son produit, se perdent tout point de vue unitaire sur l’activité accomplice, toute communication personnelle directe entre les producteurs. Suivant le progress de l’accumulation des produits séparés, et de la concentration du processus productif, l’unité et la communication deviennent l’attribut exclusive de la direction du système. La réussite du système économique de la séparation est la prolétarisation du monde.

diese these vollendet die materialistische rückführung des historischen phänomens des spektakulären in der vorhergehenden these von der ebene des gesellschaftlichen bewusstseins (genesis des spektakels als moderne »getrennte macht« im gegensatz zu der bereits spektakulären mythischen, religiösen, heiligen, kosmologischen und theontologischen institutionalisierung: widersprüchlichkeit eines modernen pseudo-heiligen verbots des praktisch bereits möglichen) auf die ebene des gesellschaftlichen seins, in these 25 bereits begründet mit der entfaltung der gesellschaftlichen arbeitsteilungen und der in ihrer bewusstlosigkeit darin festgehaltenen dynamischen produktivkräfte, die diesen trennungen blind subsumiert bleiben.

die akkumulation des kapitals vollzieht sich basal ökonomisch als klassentrennung der ganzen gesellschaft (MEW 23: 787unten,788oben): die trennung des/der arbeiter_innen von ihren produktions- und lebensbedingungen ist im globalen maßstab »die Proletarisierung der Welt«. da hier der begriff »proletariat« erstmals im spektakelbuch auftaucht, kann hier kurz auf dessen wissenschaftlich harte ökonomiekritische bestimmung bei MARX verwiesen werden, die auch nach wie vor aktuell standhält. (MEW 23: 642 Anmerkung 70. In der Fassung letzter Hand, der von MARX neuformulierten französischen Ausgabe des Kapital 1 von Roy 1875, heisst es: »En économie politique il faut entendre par prolétaire le salarié qui produit le capital et le fait fructifier, et que M.Capital, comme l’appelle Pecqueur, jette sur le pavé dès qu’il n’en a plus besoin.« [chapitre XXV, p.444 annot.p.675])

immer weitere menschenmassen werden von ihren eigenen oder persönlicher fremder ausbeutung unterworfenen individuellen subsistenzmitteln getrennt und den nur gesellschaftlich anwendbaren produktionsmitteln des kapitals unterworfen, d.h. formell und reell unters kapital subsumiert. ungeheure menschenmassen werden in diesem fortschreitenden prozess zwar zur existenz als bloße ware arbeitskraft freigesetzt, können diese bzw. sich selbst jedoch keinem kapital verkaufen und bilden so die wachsende »lazarusschicht« (MARX) der pauperisierten, zusammen mit der noch anwendbaren »industriellen reservearmee« und dem nicht mehr anwendbaren »invalidenhaus der arbeiterklasse« (MEW 23:670- 674).

so viel zum prozess der »proletarisierung der welt«, der nicht abgeschlossen sein kann, solange das kapital existiert und akkumuliert.

diese erste »proletariats-these« des spektakelbuches – NB!: das proletariat wird als welthistorischer prozess eingeführt -- hebt allerdings sogleich auf die kommunikationsebene der damit gesetzten modernen klassengesellschaft ab:

da »die knechtung der individuen unter die gesellschaftlichen teilungen der arbeit« (MARX), die schon mit den alten klassengesellschaften einherging und diesen zugrundelag (MEW 3: 31ff), in der kapitalistisch vergesellschafteten produktion nur eine weitere, extreme zerstückelung der individuellen, gegeneinander zur konkurrenz gezwungenen und den zufälligkeiten wie willkürlichkeiten der konkurrierenden kapitale (firmen und staaten) ausgelieferten proletarisierten hervortreibt – obwohl diese objektiv als »produktive gesamtarbeiterin« weltmarktvernetzt zusammenarbeiten!

objektiv ist das proletariat also bereits das subjekt der hochkonzentrierten gesellschaftlichen produktion, subjektiv aber mehr denn je getrennt und partikularisiert, denn im aggregatzustand der eigentumslosigkeit als produzierende klasse »geht jeder einheitliche Überblick über die ausgeführte Tätigkeit, jede persönliche, direkte Kommunikation zwischen den Produzenten verloren.« diese kommunikation ist monopol der »leitung« (direction) eben des »ökonomischen Systems der Trennung«.

entsprechend der kapitelüberschrift »Die vollendete Trennung« wird hier also die proletarisierung in der trennung und monopolisierung (enteignung) der kommunikation der gesellschaftlichen individuen im system der kapitalistischen gesellschaftlichen gesamtarbeiterin begründet! die fortschreitende enteignung der bereits (erzwungen und freiwillig assoziierten, sic MARX) weltgesellschaftlich zusammenwirkenden produzent_innen von ihrer kommunikation in ihrem reproduktionszusammenhang selbst verkehrt alle kooperativen entäusserungen und ausdrucksformen der proletarisierten in ein hochkonzentriertes, erfolgreiches ökonomisches system-der-trennungen und macht diese materiell schon geschaffene »Einheit und die Mitteilung/Kommunikation zur exklusiven Eigenschaft [l’attribut exclusif] der Systemleitung« des konkurrierenden Kapitals. dieser progress der »enteignenden Aneignung« der kommunikation, ihre verwandlung in die sprache des spektakels (von dem in dieser these gar nicht direkt gesprochen wird) reproduziert im laufe seines gelingens und kraft seines »erfolgs« die progredierende proletarität.

als dreizehnte bestimmung von »spektakel« kann hier festgehalten werden: das spektakel ist der historische prozess des ökonomischen systems der trennungen in einem derartigen stadium der klassengesellschaftlichen widerspruchsbewegung, wo es den prozess der proletarisierung setzt, und zwar als konzentrationsprozess der kommunikationsenteignung.

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zu these 27:

Par la réussite même de la production séparée en tant que production du séparé, l’expérience fondamentale liée dans les sociétés primitives à un travail principal est en train de se déplacer, au pole du développement du système, vers le non-travail, l’inactivité. Mais cette inactivité n’est en rien libérée de l’activité productrice: elle dépend d’elle, elle est soumission enquiète et admirative aux nécessités et aux résultats de la production; elle est elle-même un produit de sa rationalité. Il ne peut y avoir de liberté hors de l’activité, et dans le cadre du spectacle toute activité est niée, exactement comme l’activité réelle a été intégralement captée pour l’édification globale de ce résultat. Ainsi l’actuelle ‘libération du travail’, l’augmentation des loisirs, n’est aucunement libération dans le travail, ni libération d’un monde faconné par ce travail. Rien de l’activité volée dans le travail ne peut se retrouver dans la soumission à son résultat.

nun verschiebt die analyse den fokus vom objektiv-ökonomischen prozess und seiner basis (eigentumsverhältnisse, trennungen) erneut auf die subjektive erfahrung in der proletarisierten »Lebenssituation« (MARX, MEW 2:37f):

der erfolgreichen tauschwerte-produktion-um-der-produktion-willen[1] entspricht »die Grunderfahrung« der produzierenden menschen, dass dieser selbstzweck-telos etwas gewissermaßen sinnloses, ja im grunde ein gigantischer leerlauf mit der tendenz »zur Nichtarbeit und zur Untätigkeit« sei[2] – ist doch der horizont der »freizeitgesellschaft« und der immer weitergehenden automatisierung der arbeitsprozesse erreicht und ertönt doch von seiten der soziologen und filosofen allenthalben der refrain: »der arbeitsgesellschaft geht die arbeit aus« usw. »Doch ist diese Untätigkeit [inactivité] keineswegs von der Produktionstätigkeit befreit:« sie stellt nur den entgegengesetzten pol zum pol der hyperaktivität des verwertungsprozesses dar.

»activité« ist in den beiden späteren deutschen fassungen (der autorisierten Hamburg 1978 und der von Kukulies überarbeiteten, Berlin 1996) mit »Tätigkeit« wiedergegeben, was uns zugleich zu verengend und zu weitgefasst scheint; die übersetzung (der »Projektgruppe Gegengesellschaft« Düsseldorf 1971, Neuauflage Wien 1996, sowie des ersten kapitels für die deutsche erstübersetzung der gesamten revue »internationale situationniste« von Pierre Gallissaires, Hamburg 1977) mit »Aktivität« halten wir hier für richtiger, da »activité« nicht einfach nur irgendeine beliebige tätigkeit bedeutet, sondern zugleich auch das lebendige prinzip, das moment der »praktischen Energie« (MARX) und der möglichkeit nach nichtentfremdeten menschlichen »Entäusserung« der »menschlichen Wesenskräfte«, der »lebendigen Arbeit« (MARX) ausdrückt. »tätigkeit« entbehrt vor allem auch dessen, was den MARXschen arbeitsbegriff auszeichnet: teleologische setzung zu sein (»tätigkeit« ist das, was die biene instinktgemäß macht, ebenso wie das, was »der menschliche Baumeister« im spezifisch menschlichen arbeitsprozess tut – MEW 23: 192-196 --, deshalb ist das wort »tätigkeit« das am wenigsten geeignete, um die dialektisch hochkomplexe begrifflichkeit der kategorie »arbeit« im allgemeinen und der historischen und schliesslich bürgerlich-kapitalistischen formbestimmungen der arbeit und der produktionsweise zu erfassen, ebenso wenig wie die psychische komponente. weit entfernt davon, eine entdifferenzierte »tätigkeit« zu sein, ist die spezifisch kapitalistische »activité productrice« – wieder glücklicher übersetzt 1971/1977/Wien1996 mit »produzierender Aktivität« (im unterschied zur verfehlten übersetzung 1978/Berlin1996 als »Produktionstätigkeit«) – jener spezifische »aktivismus«, jene »betriebsamkeit« der kapitalistischen arbeitskraftverausgabung und organisation der »Arbeitseinsaugung« (MARX) und des hierarchisch-militärisch aufgebauten managements, des bürgerlichen arbeitsethos und der selbstinstrumentalisierung bis zum workaholism des karrierismus und der »Ich-AG«, des team-work etc, eine produktivistische aktivität, die zugleich ihren gegenpol mit setzt: die passive kontemplation.

diese ist keineswegs auf den »freizeitbereich« beschränkt, eher im gegenteil (denn gerade dieser wird zunehmend zum gegenstand der »aktivistischen« animation): »diese Inaktivität ist keineswegs frei von produzierender Aktivität, sie hängt von ihr ab, sie ist unruhige und bewundernde Unterwerfung unter die Erfordernisse und Ergebnisse der Produktion; sie ist selbst ein Produkt ihrer Rationalität.« (dt.1971/1996)

dass DEBORD mit dem begriff von »Aktivität« den MARXschen arbeitsbegriff aufgreift und entwickelt – also keineswegs »die arbeit abzuschaffen« und die produktion »der fabrikgesellschaft« usw. zu verwerfen gesonnen ist (wie den situationist_innen immer wieder gerne unterstellt wird, so als seien diese romantische antikapitalist_innen und hätten mit PAUL LAFARGUE das »Lob der Faulheit« angestimmt oder mit Adorno »Sur l’eau« räsonniert), zeigt er in dieser these unmissverständlich, indem jenem aktivismus der kapitalistischen arbeits-und freizeitgesellschaft auf dem pol des arbeitsprozesses-als-verwertungsprozess sofort der gegenpol der möglichen nichtentfremdeten aktivität frei assozierter gesellschaftlich-individueller produzent_innen gegenübergesetzt wird, indem »die wirkliche Aktivität« den engen, in wahrheit passiv-kontemplativen horizont der spektakulären arbeitsgesellschaft transzendiert, sogar die basierende bedingung der möglichkeit menschlicher freiheit ist:

»Ausserhalb der Aktivität kann es keine Freiheit geben; im Rahmen des Spektakels wird jedoch jede Aktivität verneint, genau wie die wirkliche Aktivität vollständig für die globale Schaffung dieses Resultats [Hamburg 1978, Berlin 1996 besser:] / für den Gesamtaufbau / globalen Aufbau dieses Resultats aufgefangen worden ist. Daher ist die aktuelle ‚Befreiung von der Arbeit’, die Ausdehnung der Freizeit [les loisirs bedeutet eher »Freizeit«, während le loisir eher »Muße« heisst, also frei bleibt von der bürgerlich-kapitalistischen formbestimmtheit], keineswegs Befreiung in der Arbeit oder Befreiung einer Welt, die von dieser Arbeit geformt wurde.«

wenn der situationistische arbeitsbegriff hier ebenso wie zeitgleich bei LUKÁCS im kapitel »Die Arbeit« in dessen hauptwerk (zOgS2: 97-110) entwickelt wird als perspektivische dialektische/historische einheit von möglichem »Reich der Freiheit« und dafür basalem »Reich der Notwendigkeit« (MEW 25:828), so führt dieser zugleich nüchtern-realistische (wissenschaftlich ökonomiekritische) wie emphatische (revolutionär-humanistische) begriff von »Aktivität« und »Befreiung der Arbeiterklasse« als »Emanzipation der Arbeit« von der klassengesellschaftlichen und kapitalistischen formbestimmtheit (MEW 16,17,19) zu einer weiteren, vierzehnten bestimmung dessen, was »das spektakel« ist: die negation der menschlich-gesellschaftlichen arbeit als nichtentfremdeter, emanzipatorischer aktivität, stattdessen das festhalten der subjekte in der kapitalistisch-betriebsamen »Entwicklung des Systems zur Nicht-Arbeit, zur Inaktivität«, d.h. passiven – wenn auch oberflächlich hektischen -- »Unterwerfung unter die Erfordernisse und Ergebnisse der Produktion« der kapitalakkumulation, zur kontemplativen bestätigung von deren normen und produkten, von deren genussformen in der »freizeit«, von deren gesteigertem »erfolg«. damit ist das spektakel für die ihm unterworfenen »aktivist_innen« das gegenteil von menschlicher aktivität, von entfremdung befreiter arbeit, und führt deshalb unweigerlich zu wachsendem unbehagen in und an ihrem »arbeitsleben« und »freizeitgenuss«:

»Nichts von der in der Arbeit gestohlenen Aktivität kann sich in der Unterwerfung unter ihr Ergebnis wiederfinden.«

in diesem keimenden unbehagen ist zugleich ein revolutionäres begehren angelegt, was hier nur erst indirekt impliziert werden kann.

ein romantischer antikapitalismus ist in dieser these schon im ansatz ausgeräumt, da die historische »Grunderfahrung« der arbeitenden auch in vormodernen gesellschaften vorausgesetzt wird als schon unmenschlich entwickeltes system der arbeitsteilungen, welches noch nicht einmal die »Nichtarbeit und Untätigkeit« – in der kategorie der kontemplativen arbeit und der »freizeit« -- für die große masse der bevölkerungen kannte sondern nur deren stumpfsinnig-verknöcherte knechtung unter die überkommenen arbeitsteilungen und kasten-, stände-, klassentrennungen, wobei viele menschen sich rasch zu tode arbeiten mussten.

übrigens liegen die beiden späteren deutschen übersetzungen (Hamburg 1978, Berlin 1996) mit »den Urgesellschaften« (für: »les sociétés primitives«, was mit »primitiven Gesellschaften« 1971 wörtlich korrekt aber auch nicht gut übersetzt ist) historisch daneben. es handelt sich selbstverständlich gerade um alle die klassengesellschaften als keineswegs »urgesellschaftlichen« gesellschaftsformationen, »die der kapitalistischen Produktion vorhergehen« (MEW 42:395,399ff,404-411ff).

weitere stichworte in der dikussion dieser these waren 2003:

die moderne dichotomie »arbeitswelt« / »freizeit«;

privatisierung (frz.: »privé de« = beraubt von; depraviert) als beraubung der individuen von ihrer gesellschaftlichkeit, d.h. beraubung vom »wirklichen Lebensprozess der Menschen« als den verkehrsbeziehungen der gesellschaftlichen individuen.[3]

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zu these 28:

Le système économique fondé sur l’isolement est une production circulaire de l’isolement. L’isolement fonde la technique, et le processus technique isole en retour. De l’automobile à la television, tous les biens sélectionnés par le système spectaculaire sont aussi ses armes pour le renforcement constant des conditions d’isolement des ‘foules solitaires’. Le spectacle retrouve toujours plus concrètement ses propres présuppositions.

als immer »erfolgreicher”, perfekter werdendes system der trennungen einer gesellschaftlich schon weitgehend kooperierenden ökonomie-totalität (vernetzt im weltmarkt) gründet sich doch – so die these in einer art analytischem zoom auf den »vereinzelten einzelnen« in dieser totalität, gewissermaßen auf die unterste, einfachste menschliche monade in dieser monadologie – dieses ganze moderne wirtschaftssystem auf die vereinzelung. MARX hat in seiner gesamten kritik der politischen ökonomie die treibende und fundamentale rolle der konkurrenz auf allen ebenen, in sämtlichen sphären der kapitalistischen weltgesellschaft herausgearbeitet[4].

in den 1950er jahren beschrieb der US-soziologe DAVID RIESMAN die westliche gesellschaftsstruktur als ansammlung aus individuen vom typus der »innengeleiteten« und »aussengeleiteten Persönlichkeit« und fasste diese Diagnose der vereinzelung im massenmaßstab zusammen unter dem titel »The Lonely Crowd«, wobei er besonders die rolle der kommunikationsstruktur entlang dem TV in den USA herausarbeitete sowie die konkurrenzbestimmtheit des konsumverhaltens bei breiten schichten der US-lohnabhängigen (nach der devise: »Keeping up with the Joneses«). auf diese noch weit in den 1960erjahren gängige diagnose von der »einsamen Masse« spielt auch DEBORD hier an, wenn er »die vom spektakulären System ausgewählten Güter« [biens: also nicht als waren – marchandises – hier bezeichnet!] schon in der funktion als gadgets andeutet (zur situationistischen gadget-theorie kommen wir später), in welcher sie tendenziell primär träger von bildern sind -- bildern des individuellen »erfolgs«, des status, der conspicuous consumtion und des distinktionsgewinns etc. gegenüber den konkurrent_innen --, eine funktion als gebrauchswert, welcher die so konkurrierenden nur in ihrer partikularität festhält und isoliert (vgl. hierzu LUKACS im kapitel »Die Entfremdung« in: zOgS2:).

da es sich bei der produktion und kommunikation dieser waren-bilder vom individuellen »erfolg gegen die konkurrent_innen« (oder einfach als signaturen eines einigermaßen »erfolgreichen« überlebens gemessen an der herrschenden normalität des »mithaltenkönnens«) um eine massenproduktion (gerade auch der kulturindustrie) und massenhafte warenzirkulation handelt, schliesst diese these: »Das ökonomische System, das sich auf die Isolierung / Vereinzelung gründet, ist eine zirkuläre Produktion der Isolierung / Vereinzelung.«

diese produktion der trennung der vereinzelten einzelnen voneinander, obwohl sie partikel der gesellschaftlichen gesamtarbeiterin sind und auch im gesamten überlebensalltag vielfach miteinander kommunizieren und kooperieren, setzt die einzelnen waren, als deren unablässig flutende sammlung der gesellschaftlich produzierte reichtum erscheint – und zunehmend »aussengeleitet« als kaufbegehren verbildlicht das konkurrenz-individuum »belagert« -- als materielle »Waffen« ein zwecks beständiger verstärkung der »Vereinzelungsbedingungen« der an sich schon weitgehend gesellschaftlichen individuen.

damit befestigt das spektakel »immer konkreter« seine gesamtstruktur in der einzelnen »zelle« dieser gesellschaft, wobei »die einzelne Ware als seine Elementarform« (MEW 23:49) zu begreifen ist: durch die selektion und privilegierung einzelner, dem anschein nach (werbeindustrie, werbepsychologie) »ausgewählter Güter« richtet sich die spektakuläre warenproduktion und –zirkulation an die gesellschaftlichen produzent_innen als isolierte konsument_innen, wobei eine moderne (z.b. als »fordismus« bezeichnete) auf diese partikularitäten zugeschnittene und berechnete »Technik« entstand, und deren weiterentwicklung sich als »zirkuläre Produktion der Vereinzelung« immer konkretere bedürfnisgrundlagen schafft, die ihn ihrerseits bedingen: »der technische Prozess vereinzelt rückwirkend«.

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zu these 29:

L’origine du spectacle est la perte de l’unité du monde, et l’expansion gigantesque du spectacle moderne exprime la totalité de cette perte: l’abstraction de tout travail particulier et l’abstraction générale de la production d’ensemble se traduisent parfaitement dans le spectacle, don’t le mode d’être concret est justement l’abstraction. Dans le spectacle, une partie du monde se représente devant le monde, et lui est supérieure. Le spectacle n’est que le langage commun de cette séparation. Ce qui relie les spectateurs n’est qu’un rapport irréversible au centre même qui maintient leur isolement. Le spectacle réunit le séparé, mais il le réunit en tant que séparé.

[stichworte 2004:]

pars pro toto

pseudokonkretion der realabstraktion auf basis der historischen dynamik der abstrakten arbeit, wertgesetz, wertvergesellschaftung.

diese these geht materialistisch-ontologisch (seinstheoretisch) von der zirkulation in die produktions-sfäre »hinunter«, so wie die von MARX geforderte wissenschaftliche methode von der erscheinungsoberfläche in die »tiefe der vernünftigen abstraktion« hinuntersteigt, um von dieser dann wieder zur konkreten totalität, diese nun besser begreifend, aufzusteigen (endlos sich wiederholende, aber spiralförmig progredierende operation).

»das innere Band« (MARX), »die Urform« (LUKÁCS) oder »der Ursprung« (DEBORD) des spektakels wird nun genau in dem bewusstseinsverlust oder –mangel von der konkreten totalität des gesellschaftlichen seins ausgemacht, der mit der »herstellung des fertigen weltmarkts« (MARX) entlang der globalen durchsetzung des wertgesetzes, der gesamtgesellschaftlichen dominanz der abstrakten arbeit einhergeht:

»die Abstraktion [von] jeder besonderen Arbeit und die allgemeine Abstraktion der Gesamtproduktion äussern / übertragen sich [se traduisent] perfekt im Spektakel, dessen konkrete Seinsweise genau / gerade / richtig [justement] die Abstraktion ist.«

im selben maße, wie die gesellschaftliche gesamtarbeiterin und die sie ausbeutende »feindliche brüderschaft der kapitalisten« (MARX) mit dem weltmarkt eine One World schafft, eine hochvergesellschaftete menschliche »Gattung an sich« herausbildet, im selben maße erscheint den partikularisierten konkurrenzindividuen dieser gattung und dieser produzierenden klasse-an-sich die konkrete mannigfaltigkeit der »ungeheuren warensammlung« und der mit dieser zugleich produzierten bilder-welt als nicht mehr fassbar, nicht mehr überschaubar, als »Neue Unübersichtlichkeit«, »Zusammenbruch der Signifikantenketten« usw., kurz: als »der Verlust der Einheit der Welt, und die gigantische Expansion des modernen Spektakels drückt die Totalität dieses Verlustes aus«.

da die abstrakte arbeit, ja die reflexionsbestimmungen »abstraktion / konkretion« vom bloßen alltagsverstand nicht begriffen werden können, sondern nur von der anstrengung wissenschaftlicher vernunft, so kann auch von einer gesellschaftsklasse der proletarisierten, die noch immer im zustand des bürgerlichen bewusstseins, des Common Sense und pragmatischen alltagsverstands befangen ist, sich noch nicht zum reifegrad der klasse-des-bewusstseins selbstorganisiert hat, kaum der doppelcharakter der arbeit, die fetischistische darstellungsform der kapitalistisch organisierten arbeit in der wert&warenform, der unterschied, gegensatz und widerspruch zwischen konkreter und abstrakter arbeit sowie zwischen gebrauchswert und wert mit seiner konkreten erscheinungsform in den tauschwerten, der sichselbstverwertende wert, mehrwert in den erscheinungsformen von profit bis zins, das heisst also die ganze widerspruchstreibende totalität von lohnarbeit und kapital nicht begriffen werden (sondern nur dumpf empfunden oder geahnt). ebenso wenig wie von daher die konkrete totalität des gesellschaftlichen seins im weltmarkt begriffen werden kann, ebenso wenig kann die abstrakte totalität dieser modernen gesellschaft im staat begriffen werden, was – da der staat das höchstorganisierte macht- und gewaltmonopol der kapitalistischen klassenherrschaft gegen die konkrete gesellschaft selber ist und die trennung zwischen der konkreten gesellschaft (atomisiert im privaten) und der abstrakten gesellschaftlichkeit (monopolisiert im öffentlichen) als repräsentation schlechthin verkörpert – fatale auswirkungen für die »bürgerInnen« hat, welche dieser konkreten oder realen abstraktion permanent ohnmächtig unterworfen sind, solange sie als gespaltene hommes/femmes bourgeois/es & hommes/femmes citoyen/nes »nur die gemeinschaftliche Sprache dieser Trennung« reproduzieren.

»Der Ursprung des Spektakels« hat somit in dieser historisch spezifischen »konkreten Seinsweise« seine wurzel: als abstraktion des gesellschaftlichen seins von seiner konkreten totalität, aber einer derartigen abstraktion, welche die trennung vom konkreten realen scheinbar überwindet und sich selbst, die abstraktion, als anschauliches konkretes darstellen kann. der vorgang ist gesamtgesellschaftlich das, was beim einzelnen warenproduktions- & austausch-akt modellhaft in der wertformgleichung geschieht: es ist eine eigentümlichkeit der äquivalentform, »dass konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit wird.« (MEW 32:73)

die äquivalentform – letzten endes das geld -- wird von MARX auch metaphorisch als »Wertspiegel« bezeichnet, um den konkreten, wenn auch mystifikatorischen, charakter der reflexionsbestimmungen oder des »quid pro quo« abstrakte arbeit / konkrete arbeit begreifbar zu machen. das spektakel kann in dieser mystifikation des »wertspiegels« gesamtgesellschaftlich begründet werden. dessen gesellschaftliche funktion ist es ja, private, d.h. getrennte produzenten dennoch als ungetrennt-gesellschaftliche – eben in der darstellung, repräsentation eines fetisch-artigen gemeinsamen dritten: der äquivalentform im gemeinsamen wertform-handeln der getrennten privatmenschen -- zu vermitteln: als »realabstraktion«, d.h. realer darstellung abstrakt-menschlich-gesellschaftlicher arbeit an einem konkreten gebrauchswertkörper, einem produkt konkreter arbeit (letztlich: geld=gold). »Das Spektakel vereinigt das Getrennte, aber nur als Getrenntes.« »Das Spektakel ist nur die gemeinsame Sprache [le langage commun] dieser Trennung.« der unterschied zur kapitalistischen sprache der warenproduktion als sprache der trennung, nämlich der getrennt produzierenden privatproduzentInnen als kapital-konkurrentInnen, ist ein gradueller, der unterschied im fortschreiten der repräsentation, also auch verbildlichung der äquivalentform, des »wertspiegels« im weltmarktmaßstab: »Im Spektakel repräsentiert sich / stellt sich dar [se représente] ein Teil der Welt vor der Welt und ist über sie erhaben.«

diese entwendung durch das indirekte MARX-zitat aus der 3.FEUERBACHthese trifft ebenfalls den staat, diese abstraktion der gesellschaftlichkeit mit ihrer konkreten gewalt als erziehungsdiktatur seit jeher (von PLATONs »gelehrtenrepublik« bis LENINs, TROTSKYs, STALINs, MAOs e.a. diktatur übers proletariat; vgl. schon MARX’ spott über die sozialdemokratische anmaßung einer »Volkserziehung durch den Staat« und den »demokratischen Wunderglauben an den Staat«: MEW 19:30f), beruht dieser doch stets auf irgendeinem philosophenkönigtum: er hält die menschen in passiver kontemplation der heiligen macht und herrlichkeit, hindert sie an der revolutionierung der verhältnisse »und muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren.« (MEW 3:S.6)

die abstraktion der gesellschaftlichkeit wird angeschaut (angebetet) von den vereinzelten einzelnen der wirklich-konkreten gesellschaft, und indem diese anschauung (kontemplation) die zuschauer_innen vom eigenen handeln weitgehend abhält, entsteht ein spektakuläres gesellschaftliches verhältnis: »Was die Zuschauer miteinander verbindet, ist nur ein irreversibles [= unumkehrbares] Verhältnis zum Zentrum selbst, das ihre Vereinzelung aufrechterhält.« dieses zentrum der modernen welt ist das geld als kapital, welches diese welt wie die sonne bescheint (MARXsche metaphorik).

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zu these 30:

L’aliénation du spectateur au profit de l’objet contemplé (qui est le résultat de sa propre activité inconsciente) s’exprime ainsi: plus il contemple, moins il vit; plus il accepte de se reconnaître dans les images dominantes du besoin, moins il comprend sa propre existence et son propre désir. L’extériorité du spectacle par rapport à l’homme agissant apparaît en ce que ses propres gestes ne sont plus à lui, mais à un autre qui les lui représente. C’est pourquoi le spectateur ne se sent chez lui nulle part, car le spectacle est partout.

damit steigt die spektakel-analyse wiederum zur konkreten erscheinungsoberfläche der modernen welt auf, in die psychologie der einsamen zuschauer-massen, in »das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte«, wie MARX die wissenschaftliche psychologie umschrieb), ins gesellschaftliche »Unbewusste«, dessen vorgänge am »Ergebnis seiner eigenen unbewussten Aktivität« herauszulesen sind.

nach these 8 (schlusssatz) wird hier die kategorie der »entfremdung« erneut eingeführt.[5]

(die situationist_innen haben an diesem begriff immer festgehalten und ihn während der 1960er jahre energisch materialistisch »freizukämpfen« versucht.)

hier wird sie zunächst bestimmt als »die Entfremdung des Zuschauers zugunsten [au profit] des angeschauten Objekts/ Gegenstands«, so dass die bloße kontemplation – das nichtverändern des gegenstands – von seiten des menschlichen subjekts, dessen status als passiv zuschauend_r, bereits entfremdungskriterium ist.

in der spektakulären gesellschaft drückt sich diese passivität in besonderem grad entfremdend für die lebenssituation der proletarisierten menschen aus: wie schon MARX 1846 für die proletarische existenzweise feststellt: »Mein
Arbeiten ist nicht Leben.« diese kennzeichnung ist bereits objektiv materialistisch begründet, aber sogleich psychisch-existenziell in der sinnlichen wahrnehmung des subjekts ausgedrückt, in der subjektiven erfahrung des gesellschaftlichen individuums (»Ich«) auf den begriff gebracht. (handelt es sich bewusst um eine indirekte polemik, materialistisch-historische entwendung von MAX STIRNERs »Der Einzige und sein Eigentum«?)[6]

als lebens-entzug und als eigentums-vernichtung, als nichtbegreifen und als nichtbefriedigung des begehrens [le désir] wird hier die entfremdung durchs spektakel gekennzeichnet. »eigentum« bezeichnet hier – wie bei MARX -- nicht die historische form »privateigentum«, sondern die individuelle eigenart und die besonderen wesenskräfte, die dem einzelnen gesellschaftlichen individuum eignen und die es nichtentfremdet zu entäussern und zu vergegenständlichen ein menschlich-sinnliches historisches bedürfnis hat. diesem ensemble genuin menschlicher bedürfnisse, leidenschaften, notdurft und begierden, kurz: dem begehren »einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen« (MARX) in jedem praktisch handelnden individuum, setzt »die Äusserlichkeit des Spektakels« eine enteignung entgegen, die der inaktive, pseudo-aktive kontemplative selbst durch seine eigene unbewusste tätigkeit hervorbringt: die produktion eben der angeschauten (aber nicht angeeigneten, sondern fremden) gegenstände, spektakulär erscheinend »in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses« [dans les images dominantes du besoin].

dass es sich beim akzeptieren dieser normierten, serienfabrizierten bedürfnisbilderwelt um einen allseitigen enteignungsvorgang handelt, wird durch die reihe der eigentums-attributierung unmissverständlich gemacht:

das individuelle eigene leben wird vom kontemplativen, durch den kosmos von lohnarbeit & kapital/staat fremdbestimmten menschen preisgegeben: »je mehr er zuschaut [plus il contemple], um so weniger lebt er«, nämlich sein eigenes, selbstbestimmt-individuelles und mit anderen selbstbestimmten individuen assoziiertes leben – je mehr er die normierten chargen »der gesellschaft« akzeptiert und sich ihnen anzugleichen versucht, »um so weniger versteht er seine eigene Existenz«; und »je mehr er sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen akzeptiert,« um so fremder bleiben ihm diese und um so mehr entfremdet er sich »seinem eigenen Begehren« -- eine doppelte entfremdung. der/die lohnabhängige, dem/der die eigene arbeitskraft und damit die eigenen wesenskräfte, d.h. sein/ihr menschliches wesen als ware an fremde privateigentümer verkaufen muss, gibt damit alles eigene seiner individualität an eine äusserliche, von irgendwelchen fremden

privateigentümern abverlangte rolle als charaktermaske in deren diensten preis, wobei die spektakuläre qualität dieser entfremdung und enteignung der individualität und der selbstbestimmten gesellschaftlichkeit (d.h. mit wem ich überhaupt verkehren möchte, und wie, und mit wem und wie zu verkehren ich gezwungen bin) in den bildern erscheint, die dem praktisch-aktiven menschen für die formen seiner aktivität und praxis aufgeherrscht werden: »Die Äusserlichkeit des Spektakels im Verhältnis zum aktiv handelnden Menschen [l’homme agissant] erscheint darin, dass seine eigenen Gesten nicht mehr ihm gehören, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt.«

wie das einzelne Ich von S.FREUD einer kränkung ausgesetzt werden musste, so das Ich des gesellschaftsindividuums in der gesellschaft des spektakels: das Ich muss erkennen, dass es »nicht Herr im eigenen Hause« ist. die kontemplativen partikularen empfinden unbehaglich irgendwo in ihrem vorbewussten, was das resultat ihrer » eigenen unbewussten Tätigkeit ist« [le résultat de sa propre activité inconsciente]: »Der Zuschauer fühlt sich aus diesem Grunde nirgends zuhause [chez lui nulle part], denn das Spektakel ist überall.« Die bilder-reproduktion der warenwelt und besonders der ware arbeitskraft ist ubiquitär geworden.

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zu these 31:

Le travailleur ne se produit pas lui-même, il produit une puissance indépendante. Le succès de cette production, son abondance, revient vers le producteur comme abondance de la dépossession. Tout le temps et l’espace de son monde lui deviennent étrangers avec l’accumulation de ses produits aliénés. Le spectacle est la carte de ce nouveau monde, carte qui recouvre exactement son territoire. Les forces mêmes qui nous ont échappés se montrent à nous dans toute leur puissance.

die ökonomische basis und »kerngestalt« (MARX) der modernen entfremdung insgesamt[7] bleibt die permanente enteignung der proletarisierten von den gesellschaftlichen produktions- und lebensbedingungen: »Der Arbeiter produziert nicht sich selbst, sondern eine unabhängige Macht.« entfremdung ist demzufolge keine bloß psychische befindlichkeit sondern wurzelt in ihrer modernen totalität direkt in den produktionsverhältnissen des materiellen lebensprozesses der weltgesellschaft, entspringt der ökonomischen gesellschaftsformation.

die »psychogeografie« kann die qualität und das ausmaß, den grad der entfremdungen in zeit und raum kartografieren – so die situationistische konzeption. in dieser bestandsaufnahme »der Zonen des proletarischen Bewusstseins« erweist sich »die enteignende Aneignung« der kapitalistischen erweiterten Reproduktion und ihres »allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation« (MEW 23:) als fortschreitende »Armut im Reichtum«, die affluent society, von der die soziologen seit den 1950er jahren so viel sprechen, als »Überfluss der Enteignung« (abondance de la dépossession). die »Lebenssituation« (MEW 2:) der proletarisierten inmitten des von ihnen produzierten reichtums beschränkt sie, da sie im durchschnitt für ihre verkaufte ware arbeitskraft nur (wenn’s gut geht) den »warenkorb« für die reproduktion ihrer ware arbeitskraft (plus familie wenn’s gut geht) erhalten, aufs bloße über-leben.

trotz lebenslanger extensiver und intensiver lohnarbeit dennoch offensichtlich »an den rand des lebens gedrängt zu sein« (vgl. these 114) führt natürlich zu allen möglichen psychomentalen entfremdungserscheinungen, die sich in komplexen schichtungen und verschränkungen des gesellschaftlichen bewusstseins, des gesellschaftlichen unbewussten und vorbewussten sedimentieren. das spektakel stellt seinerseits als fragmentarisiertes, partikularisierendes gesamtbild genau diese gemengelage spiegelverkehrt dar und lobpreist sie als die beste aller möglichen welten: »eine Landkarte, die genau ihr Territorium deckt«, das territorium der total entfremdeten neuen welt der subsumtion von allen und jedem unters kapital.

die sichtbarmachung der totalität der entfremdung(en) in ihrer objektiven wie subjektiven graduellen struktur ist damit mehr und mehr möglich geworden aufgrund der modernen verbildlichung der entfremdeten produkte (warenansammlung als unmittelbare anschauungs-, erscheinungsform des reichtums der modernen produktionsbedingungen), denn »das Spektakel ist die Landkarte dieser neuen Welt«, und »eben die Kräfte, die uns entgangen sind, zeigen sich uns in ihrer ganzen Macht.«

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zu these 32:

Le spectacle dans la société correspond à une fabrication concrète de l’aliénation. L’expansion économique est principalement l’expansion de cette production industrielle précise. Ce qui croît avec l’économie se mouvant pour elle-même ne peut être que l’aliénation qui était justement dans son noyau originel.

wieder ausgehend von der ursprünglichen »Kerngestalt” (MARX) (le noyau originel) der kapitalistischen warenproduktion, d.h. von der historischen und logischen grundbedingung zugleich hochvergesellschafteter und doch noch privateigentümlich getrennter produktionsweise, erweist sich die entfremdung zwischen den menschen in ihrem gesellschaftlichen reproduktionsprozess als durch die moderne produktionsform selbst mitproduzierte entfremdung, d.h. als mit der kapitalistischen produktion selbst gesetzt.

so wie konkrete arbeit konkrete gebrauchswerte produziert, so ist diese kapitalistische entfremdung nicht nur eine abstrakte, die mit dem »Kommando der abstrakten Arbeit über die lebendige« (MARX, MEW 42:) einhergeht, sondern zugleich das produkt »einer konkreten Herstellung der Entfremdung«.

In dem maß nämlich, wie die produkte im verwertungsprozess des kapitals den sie produzierenden arbeiter_innen fremd werden – ebenso wie die arbeiter_innen, nach wie vor gesellschaftliche individuen und produzierend zusammenwirkende menschen, als ware arbeitskraft sich selber im produktions-als-verwertungsprozess fremd werden --, und in dem maße wie das bild dieser entfremdung selbst den verwertungsprozess des kapitals[8] speist und treibt (»karriere« und »positive thinking«, motivation und animation des »team spirit«, »kontinuierlicher verbesserungsprozess«, »corporate identity« etc. etc. --- alles einzig und allein fürs kapital, für die firma, keinen augenblick wirklich für sie selbst und für die menschliche gesellschaft), entspricht der fortschreitenden akkumulation der »Produktion um der Produktion willen« (MARX), d.h. »der sich für sich selbst bewegenden Ökonomie«, auch die fortschreitende bilderproduktion von diesen konkreten entfremdungsformen, welche »in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten« (MEW 42:45). mit der verschiebung der gesamten warenproduktion auf diese bilder-der-entfremdungs-produktion[9] expandiert auch die spektakuläre warenproduktion zu einer konkret »bestimmten industriellen Produktion« – von waren, deren gebrauchswerte zunehmend zugleich bilder der entfremdung sind, und last but not least: von ware arbeitskraft, die sich den von ihr mitproduzierten selbstbildern der entfremdung gemäß reproduziert (role models).

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zu these 33:

L’homme séparé de son produit, de plus en plus puissamment produit lui-même tous les détails de son monde, et ainsi se trouve de plus en plus séparé de son monde. D’autant plus sa vie est maintenant son produit, d’autant plus il est séparé de sa vie.

ausgehend vom begriff der macht (la puissance), wie er in these 31 aus dem begriff der kapitalistischen produktionsweise, aus ihrem resultat – im bilde ihres »erfolgs« (»der Erfolg dieser Produktion, ihr Überfluss«) – hergeleitet wird (MARX definiert das kapital als den es produzierenden arbeiter_innen »fremde, feindliche Macht«, die sie sich gegenüber aufbauen als resultat ihrer enteigneten produktivkräfte), kehrt die vorletzte these des kapitels »Die vollendete Trennung« zu den ersten grundbestimmungen von »spektakel« zurück: der reihe von trennungen und der entrückung/entfernung (tout … s’est éloigné - these 1), beraubung vom eigenen leben (als individuelles und gesellschaftliches), denen die modernen produktionsbedingungen die menschen unterwerfen.

ohne dass in dieser vorletzten these von bilderproduktion und vom spektakel direkt gesprochen wird, wird deren ökonomische basierung in der »praktischen Energie« (MARX), in der fundamentalen gesellschaftlichen gewalt[10] auf seiten der arbeiter_innen selber festgemacht: indem die vereinigte gesellschaftliche produktivkraft der menschen zusammenwirkt, nur um ihr leben als »ungeheure Warensammlung« und den reichtum ihrer weltgesellschaftlichkeit als partikularistische »Einzelheiten« (détails) – den warenplunder (MARX), den sich jedes vereinzelte individuum halt kaufen muss oder kann – zum höheren zwecke der verwertung des werts, zur akkumulation von tauschwerten, und zum niederen zwecke des überlebens als ware arbeitskraft zu reproduzieren – produziert »der von seinem Produkt getrennte Mensch« diese trennung von kapital und lohnarbeit »immer machtvoller«.

mehr denn je hat die historische Mission des Kapitals, den fertigen Weltmarkt herzustellen[11], zu der direkten, stofflichen wie immateriellen vergesellschaftung des gesamten lebens der menschlichen gattung geführt (denken wir allein an die ernährungsgrundlagen, aber auch an die weltunterhaltungsindustrie – hollywood, bollywood, nollywood etc. -- oder die kommunikation im internet), aber aufgrund der damit zugleich einhergehenden trennung der gesellschaftlichen gesamtarbeiterin von ihren gesellschaftlichen produktions- und lebensmitteln (MARX spricht von den »Gattungskräften« oder »menschlichen Wesenskräften«), somit von ihrem ganzen produkt, sowie der trennungen der gesellschaftlichen individuen voneinander als vereinzelten einzelnen aufgrund der immer schärfer werdenden konkurrenz als ware arbeitskraft sowie aufgrund der vielfältigen entfremdungen (durch entsprechende erziehung, kultur und barbarei) wirkt sich die universale trennung der menschen von ihrem möglichen individuellen und wirklichen gesellschaftlichen leben »immer machtvoller« aus.[12]

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zu these 34:

Le spectacle est le capital à un tel degré d’accumulation qu’il devient image.

nach ihrer bis hierher aufgebauten ökonomiekritisch-materialistischen fundierung kann nun die kühne bestimmung des spektakels gewagt werden, in welcher der von MARX entwickelte begriff vom kapital und die von HEGEL bis FEUERBACH entwickelte begrifflichkeit von bild / kopie / schein / illusion und sogar »heiligkeit« (siehe präambel: FEUERBACH-zitat) in dem identischen subjekt-objekt »das spektakel« zusammengeführt wird.

entscheidend ist für die dialektische, d.h. »ihrem wesen nach kritisch und revolutionär« (MARX MEW 23:) geführte möglichkeit dieser bestimmung das materialistische kriterium eines gewissen »Akkumulationsgrads« des kapitals -- was zugleich ein historisches kriterium ist. nach auffassung der situationistischen spektakeltheoriebildung hat sich dieses gesamtgesellschaftliche umschlagen der kapitalistischen warenproduktion in die spektakuläre kapitalistische warenproduktion[13] – als universaler gestaltwandel seit den 1920er jahren gezeigt. jedoch wird hier das spektakel primär als permanenter prozess bestimmt, als ein werden des geheiligten bildes von der profanen wirklichkeit, ein werden der perfekten ideologischen verkehrung aus der selbstbewegung des modernen materiellen lebensprozesses der voneinander getrennten menschen und der sie beherrschenden produktionsbedingungen, aus der verselbständigungstendenz ihrer illusionären vorstellungen von ihrem ihnen gegenüber durch dinge repräsentierten leben heraus. der zugrundeliegende, treibende akkumulationsprozess des kapitals ist jedenfalls als hochgradig widerspruchsvolle basis seiner verbildlichungstendenz gesetzt.

[anmerkung fuer spaeter, zum kategorienproblem:]

LUKACS deutete in einem brief »über die Wichtigkeit der Kategorienprobleme« (vom 12.7.1961) die zeitgenoessische zerruettung des kategorialen, begrifflichen, dialektischen denkens (im diffusen spektakel des westens wie im konzentrierten spektakel des ostens) an: »... unsere Forschungen sind seit vierzig Jahren stehengeblieben und erstarrt, und was im Westen geschieht, ist in der Hinsicht die reine Hochstapelei. Man koennte sagen, dass Subjektivitaet und Objektivitaet, Erscheinung und Wesen, etc. systematisch durcheinandergeworfen werden. Hier eine Ordnung zu schaffen, ist beinahe die Reinigung eines Augiasstalls.« unabhaengig voneinander machten sich in den folgenden jahren die »hegelmarxistischen«aussenseiter LUKACS (im post-stalinistischen osten) & situationisten wie vor allem DEBORD (im post-modernistischen westen) an den beginn dieser herkules-arbeit, wobei sie aufgrund ihrer HEGEL-&MARX-«orthodoxie« & aufgrund ihrer damit zusammenhaengenden praxis-orientierung zu frappierend aehnlichen resultaten gelangten.

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Fussnoten

[1] MEW 23:618,621; MEW 25:260; MEW 26.2:111; MEW 42: ; Grundrisse1953,1974:438ff; MEW 13:111

[2] vgl. dazu ausführlich auch LUKACS im kapitel »Die Entfremdung«, zOgS2:590

[3] zur dialektischen identität von individuen und gesellschaftsstruktur siehe grundsätzlich: MARXbrief an ANNENKOV 28.12.1846 in MEW 27; sowie in »Die deutsche Ideologie« MEW 3

[4] einen exakten und ausführlichen überblick gibt das inhaltsverzeichnis des KURUMA: Marx-Lexikon (Band 1) in der deutschen übersetzung des einzelbandes über die konkurrenz, Berlin1973. – als neuere arbeit zur allseitigen rolle der konkurrenz in der gesamten bürgerlich-kapitalistischen gesellschaft empfehlen wir: M.Coro: Konkurrenzgesellschaft. Zur Basis und Lebenswelt des modernen gesellschaftlichen Individuums. Osnabrück 2004. www.spruengeos.tk

[5] cf.: Karl Marx über die Entfremdung: in MEW 40: 445-463, 510-567.

Margaret Alice Fay: Der Einfluss von Adam Smith auf Karl Marx’ Theorie der Entfremdung. Eine Rekonstruktion der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahr 1844. Frankfurt/Main, NewYork 1986.

István Mészáros, Marx’ Theory of Alienation. London 1970; dt.: Der Entfremdungsbegriff bei Marx. München 1973.

Georg Lukács: Die Entfremdung. in: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Band 2, (=Werke 14) Darmstadt und Neuwied 1986. S.501 – 730

[6] (MARX fasst hiermit die entfremdete arbeit in der form der lohnarbeit, der dem privateigentum an den gesellschaftlichen lebensmitteln unterworfenen arbeit, indem er sie der gesellschaftlich historisch-materiell möglichen arbeit nichtentfremdeter, communistischer produktionsweise kontrastiert.

die mögliche communistische arbeit kennzeichnet er zuerst so:
»Meine Arbeit wäre freie Lebensäusserung, daher Genuss des Lebens. Unter der Voraussetzung des Privateigentums ist sie Lebensentäusserung [MARX benutzt hier noch den begriff »entäusserung« gleichbedeutend mit »entfremdung«], denn ich arbeite, um zu leben, um mir ein Mittel des Lebens zu verschaffen. Mein Arbeiten ist nicht Leben.

Zweitens: In der Arbeit wäre daher die Eigentümlichkeit meiner Individualität, weil mein individuelles Leben bejaht. Die Arbeit wäre also wahres, tätiges Eigentum. Unter der Voraussetzung des Privateigentums ist meine Individualität bis zu dem Punkte entäussert, dass diese Tätigkeit mir verhasst, eine Qual und vielmehr nur der Schein einer Tätigkeit, darum auch eine nur erzwungene Tätigkeit und nur durch eine äusserliche zufällige Not, nicht durch eine innere notwendige Not mir auferlegt ist.

Nur als das, was meine Arbeit ist, kann sie in meinem Gegenstand erscheinen. Sie kann nicht als das erscheinen, was sie dem Wesen nach nicht ist. Daher erscheint sie nur noch als der gegenständliche, sinnliche, angeschaute und darum über allen Zweifel erhabene Ausdruck meines Selbstverlustes und meiner Ohnmacht.« (MEW 40:463)

[7] entfremdungen und selbstentfremdungsformen gibt es bereits in vorkapitalistischen klassengesellschaften seit jahrzehntausenden – dazu LUKÁCS im kapitel »Die Entfremdung«, cf.: zOgS2: 501, insbesondere die selbstentfremdung der männlichen menschen bei patriarchalischer unterdrückung und ausbeutung der weiblichen menschen, der kinder u.a.

[8] vgl. z.b. gewerkschafts-slogans wie »Ich arbeite gut« als propaganda-selbstbilder für die lohnarbeit, und überhaupt den »kapitalistischen realismus« von arbeitsagenturen und werbe-öffentlichkeit

[9] (vorsituationistische ansätze einer solchen analyse siehe: SIEGFRIED KRACAUER: Die Angestellten. sowie das »Kulturindustrie-Kapitel« in ADORNO & HORKHEIMER: Dialektik der Aufklärung; vor allem aber in W:BENJAMIN: PASSAGENWERK.)

[10] MARX zieht in »Das Kapital«1 das fazit aus der historisch einmal gewaltsam hergestellten macht der kapitalistischen eigentums- und produktionsverhältnisse, dass diese als gleichsam naturmacht wahrgenommen werden, denen sich jede_r lohnabhängige unterwerfen muss, denn »der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Ausserökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise.« (MEW 23:765)

[11] MARX schon 1858: »Die eigentliche Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft ist die Herstellung des Weltmarkts, wenigstens seinen Umrissen nach, und einer auf seiner Basis ruhenden Produktion. Da die Welt rund ist, scheint dies mit der Kolonisation von Kalifornien und Australien und dem Aufschluss von China und Japan zum Abschluss gebracht. Die schwierige question für uns ist die: auf dem [europäischen] Kontinent ist die Revolution imminent [= drohend, nahe bevorstehend] und wird auch sofort einen sozialistischen Charakter annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel [der Weltgesellschaft] nicht notwendig gecrusht werden, da auf viel größerem Terrain das movement der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant ist?« (MEW 29:359f)

[12] Schon als postHEGELianischer FEUERBACHianischer historischer (!) Materialist entwarf MARX (1844) folgende Perspektive einer universalen Wissenschaft-der-Geschichte (»Geschichte der Industrie« stand damals für »Geschichte der Arbeit«), in der die trennungen der menschlichen wesenskräfte entfremdungskritisch aufzuheben sind:

»Man sieht, wie die Geschichte der Industrie und das gewordene gegenständliche Dasein der Industrie das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte, die sinnlich vorliegende menschliche Psychologie ist, die bisher nicht in ihrem Zusammenhang mit dem [konkret-historischen] Wesen des Menschen, sondern immer nur in einer äusseren Nützlichkeitsbeziehung gefasst wurde, weil man – innerhalb der Entfremdung sich bewegend – nur das allgemeine Dasein des Menschen, die Religion, oder die Geschichte in ihrem abstrakt-allgemeinen Wesen, als Politik, Kunst, Literatur etc.[d.h. als getrennte Sphären] als Wirklichkeit der menschlichen Wesenskräfte und als menschliche Gattungsakte zu fassen wusste. In der gewöhnlichen, materiellen Industrie ( -- die man ebenso wohl als einen Teil dieser allgemeinen Bewegung fassen, wie man sie selbst als einen besonderen Teil der Industrie fassen kann, da alle menschlichen Tätigkeit bisher Arbeit, also Industrie, sich selbst entfremdete Tätigkeit war --) haben wir unter der Form sinnlicher, fremder, nützlicher Gegenstände, unter der Form der Entfremdung, die vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen vor uns. Eine Psychologie, für welche dies Buch, also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklichen inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden. (…) Die Sinnlichkeit (siehe Feuerbach) muss die Basis aller Wissenschaft sein. Nur, wenn sie von ihr, in der doppelten Gestalt sowohl des sinnlichen Bewusstseins als des sinnlichen Bedürfnisses, ausgeht – also nur wenn die Wissenschaft von der Natur ausgeht --, ist sie wirkliche Wissenschaft. Damit der ‚Mensch’ zum Gegenstand des sinnlichen Bewusstseins und das Bedürfnis des ‚Menschen als Menschen’ zum Bedürfnis werde, dazu ist die ganze Geschichte die Vorbereitungs/Entwicklungsgeschichte. Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. (…) Das Element des Denkens selbst, das Element der Lebensäusserung des Gedankens, die Sprache ist sinnlicher Natur. Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Natur und die menschliche Naturwissenschaft oder die natürliche Wissenschaft vom Menschen sind identische Ausdrücke. – Man sieht, wie an die Stelle des nationalökonomischen Reichtums [der Warenproduktion, Warensammlung, Kapitalakkumulation] und Elendes der reiche Mensch und das reiche menschliche Bedürfnis tritt. Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäusserung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigene Verwirklichung, als innere Notwendigkeit, als Not existiert. Nicht nur der Reichtum, auch die Armut des Menschen erhält gleichmäßig – unter Voraussetzung des Socialismus – eine menschliche und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das passive Band, welches den Menschen den größten Reichtum, den anderen Menschen, als Bedürfnis empfinden lässt.« (MEW 40:542ff)

[13] nach einer langen genesis in der europäischen neuzeit, festgemacht etwa am barock (siehe später these 189 …; vgl. auch W.BENJAMIN zum »Ursprung des barocken Trauerspiels«; später waren insbesondere die deutsche konterrevolutionäre sozialdemokratie 1918/19 sowie der faschismus »Faktoren bei der Herausbildung des modernen Spektakelwesens« – vgl. Thesen 101, 109)

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